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„Der Euro wird zur Lira, die EZB zur Banca d’Italia“

Tichys Einblick: Herr Professor Mayer, vor Kurzem hatte Ihr Forschungsinstitut in Berlin eine Konferenz organisiert, auf der Analytiker und Politiker darüber diskutierten, wie sich eine schwere Wirtschafts- und Währungskrise im Euroraum noch abwenden ließe. Und – haben Sie eine Formel dafür gefunden?

Thomas Mayer: Wir dachten, man könnte ja einmal versuchen, Politiker dazu zu bringen, vorausschauend Szenarien durchzuspielen, zu diskutieren, wie es mit dem Euro weitergehen könnte, bevor uns die nächste Eurokrise erwischt. Vielleicht lag es an mir, vielleicht an unserem Institut, aber die Resonanz war, sagen wir mal, überschaubar. Es kamen dann von der eigentlichen Zielgruppe der Bundestagsabgeordneten nur wenige. Aber in dem kleinen Kreis hatten wir dann eine hochinteressante Diskussion, insbesondere über die Ähnlichkeiten zwischen den Entwicklungen heute und den 70er-Jahren.

Eines fällt auf, wenn man sich mit den 1970ern etwas intensiver beschäftigt und die Protokolle der Zentralbanken studiert: Die Zentralbanken wussten schon seit Ende der 1960er, dass es Probleme geben würde. Es hatte sich ein erhebliches Inflationspotenzial aufgebaut, und die Verantwortlichen hatten das Gefühl, dass etwas aus dem Ruder lief. Aber es dauerte dann beinahe noch zehn Jahre, bis sie den Mut fanden, gegenzusteuern.

Warum dauerte es so lang?

Die Handlungslogik ist im politischen Bereich eine völlig andere als im wirtschaftlichen, nämlich die Logik von Machterwerb und Machterhalt. Das verhindert vorausschauende Problemlösungen und lässt die Politik von Krise zu Krise taumeln. Aufgrund der ihr eigenen Handlungslogik bewegt sie sich also nur in Krisenzeiten. Eine vorausschauende, analytisch basierte Problemlösung ist von ihr kaum zu erwarten. Angela Merkel hat dieses Muster perfektioniert und damit großen politischen Erfolg gehabt.

Die Zentralbanken sollten doch von der Politik unabhängig handeln.

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Die Inflation ist zurück, weil Fehler der Vergangenheit wiederholt werden

Auch wenn sie von der Politik unabhängig sind, operieren Zentralbanken nicht im luftleeren Raum. Sie müssen die Bevölkerung mitnehmen, sie müssen die Politik mitnehmen. Bei der letzten großen Inflation der 1970er gelang das US-Notenbankpräsident Paul Volcker erst Anfang der 1980er, als die Frustration über die Inflation so hoch war, dass man sagte: Jetzt muss diesem Spuk ein Ende gesetzt werden. Man ließ Volcker gewähren, und er brach die Inflation, auch wenn dazu Zinserhöhungen auf bis zu 20 Prozent nötig waren.

Das war der sogenannte Volcker-Schock, der Wirtschaft und Verbraucher in den USA damals in schwere Probleme stürzte. Wäre eine solche Gewaltkur auch für die Eurozone möglich? Wäre sie wünschenswert?

Bei der gegenwärtig hohen Staatsverschuldung wäre sie wohl kaum mehr möglich und auch politisch nicht durchsetzbar.

Mittlerweile steht für manche Beobachter auch die Existenz des Euro selbst in Frage. Müssten wir heute nicht froh sein, wenn wir nur die Probleme der USA in den 1970ern hätten?

Ich würde die Probleme der 70er-Jahre nicht herunterspielen. Wenn Sie sich erinnern: 1971 begann der Zusammenbruch des Bretton-Woods-Währungssystems, als Präsident Richard Nixon die Bindung des US-Dollar ans Gold löste. Damit ging ein Stück Nachkriegsordnung verloren, und die Inflation hatte für den Rest des Jahrzehnts freien Lauf. Dazu kamen die Ölkrisen im Jom-Kippur-Krieg und während der Iranischen Revolution. Das war schon gravierend.

Aber nun zu Europa: Ich denke nicht, dass der Euro auf absehbare Zeit zusammenbrechen wird. Die Politiker werden erst einmal alles tun, um den Währungsraum zusammenzuhalten. Das geht aber nur, wenn man die Zinsen nicht so anhebt, wie es nötig wäre, um die Inflation in den Griff zu kriegen. Denn bei hohen Zinsen würden die überschuldeten Länder im Euroraum in große Schwierigkeiten kommen. Und das sind vor allem die Südländer, also insbesondere Italien mit seiner hohen Staatsverschuldung von 150 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Wenn die Zinsen kräftig anstiegen, wäre für Italien eine weitere Mitgliedschaft im Euroraum nicht mehr attraktiv. Man sollte nicht vergessen: Italien hat sich in den Euro hineingedrängt, weil es sich davon niedrigere Zinsen versprach. Das italienische Schuldenproblem sollte im Euroraum vergemeinschaftet werden. Dafür hat das Land sogar vorübergehend die Steuern erhöht, um kurzfristig das Dreiprozentkriterium für das Haushaltsdefizit zu erreichen. Würde Italien nun austreten, würde der Euro wohl zerfallen. Weil die meisten Politiker in anderen Euroländern davor große Angst haben, besitzt Italien ein großes Drohpotenzial.

Wie hoch müssten die Zinsen im Euroraum Ihrer Meinung nach steigen, damit sie die Inflation wirksam dämpfen?

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Wie sich Zentralbank und Bankenaufsicht gemeinsam eine neue Finanzkrise basteln

Aus der Geschichte kann man die Faustformel ableiten, dass der Zins über die Preissteigerungsrate steigen sollte, um eine kraftvolle Inflationswelle zu brechen. Die Bundesbank hob in den 70ern den Zins auf zweistellige Raten, um die Inflation in den Griff zu bekommen. Und auch nach der Wiedervereinigung wurde der Zinssatz knapp zweistellig – bei niedrigerer Inflation als heute. Selbst wenn wir heute nicht mehr die gesamte Inflationsrate, sondern die sogenannte Kerninflation zum Maßstab machen, müsste der Leitzins der Europäischen Zentralbank (EZB) immer noch über fünf Prozent steigen. Heute ist der Leitzins nicht mehr der Refinanzierungssatz, sondern der Einlagesatz, weil durch die lockere Geldpolitik so viele Überschussreserven kreiert wurden. Und der steht gerade mal bei zwei Prozent. Das heißt, er müsste noch mehr als verdoppelt werden.

Was aus den Gründen, die Sie genannt haben, aber nicht passieren wird. Angenommen, die EZB versucht eine solche Kur doch und Italien würde den Ausstieg beschließen: Würde die Eurozone das überleben?

Das würde die Eurozone wohl kaum überleben. Aber was würde dann passieren? In Italien würde vermutlich die Lira wieder eingeführt, und eine ordentliche Abwertung der Lira gegenüber dem „Rest“-Euro würde den Gläubigern Italiens enorme Verluste bescheren. Die Italiener haben im Interbankenzahlungssystem Target2 über 600 Milliarden Euro Verpflichtungen gegenüber dem Eurosystem, die dann vielleicht teilweise oder ganz weg wären. Überall entstünde Abschreibungsbedarf, und wir bekämen eine neue Finanzkrise. Weitere Länder könnten aus dem Euroraum austreten und der Euro könnte zerfallen, oder das System würde auf chaotischen Wegen neu aufgestellt.

Nun unternimmt die EZB aus politischer Rücksicht nicht die Schritte gegen die Inflation, die nötig wären. Wird der Euro zur Weichwährung?

Der Euro wurde im Verlauf dieses Jahres relativ zum Dollar schwächer. Das ist jetzt kein Kollaps, aber sechs Prozent sind auch nicht unerheblich. Gegen Ende des Jahres hat sich der Euro wieder etwas berappelt, weil die Märkte auf ein Ende der Zinserhöhungen durch die Fed und weitere Zinserhöhungen durch die EZB im Verlauf von 2023 spekulierten. Werden diese Erwartungen enttäuscht, würde der Verfall des Euros gegenüber dem Dollar weitergehen.

Wohin entwickelt sich der Euro unter diesen Bedingungen? Und wie schnell?

Ich spreche ja, wie auch andere, von der „Liraisierung“ des Euro. Das ist nicht polemisch gemeint, sondern ich möchte damit darauf verweisen, dass die Europäische Zentralbank zum Nachfolger der Banca d’Italia geworden ist. Den Deutschen wurde bei der Einführung des Euro versprochen, dass die EZB dem Modell der Bundesbank folgen werde. Sie sollte abseits des politischen Betriebs stehen und sich, wenn nötig, zum Schutz der Preisstabilität diesem Betrieb widersetzen  – wie es die Bundesbank mehrfach tat. Das ist seit der Eurokrise vorbei. Im Verlauf der letzten zehn Jahre wurde Schritt für Schritt, aber doch sehr zielstrebig, per Salamitaktik das Modell der Bundesbank durch das Modell der Banca d’Italia ersetzt. Unter dem Bretton-Woods-System war die Banca d’Italia noch eine recht solide Zentralbank. Sie konnte sich die Politiker vom Hals halten, indem sie darauf verwies, dass sie die Lira gegenüber dem Dollar stabil halten musste.

Das müssen Sie erläutern.

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Wenn die Politiker da hineingrätschen wollten, hätten sie nach Washington pilgern und um eine Abwertung der Lira gegenüber dem Dollar bitten müssen. Und dann hätten sie ihren Wählern erklären müssen, warum sie ärmer geworden sind. Mit dem Ende des Bretton-Woods-Systems war aber dieser Schutzschild weg, und die Banca d’Italia kam unter den Einfluss der Politik; sie kam unter „fiskalische Dominanz“, wie es die Ökonomen nennen. Die Banca d’Italia war nun verpflichtet, Staatsanleihen abzunehmen, die der Staat nicht für einen ihm genehmen Preis, sprich zu niedrigen Zinsen, im Markt absetzen konnte. Sie wurde also zum Staatsfinanzier, und das Ergebnis war ein stetiger Verfall des Außenwerts der Lira und eine hohe Inflation. Von 1971 bis zum Eintritt in den Euro, also 1999, wertete die italienische Lira gegenüber der Mark um über 80 Prozent ab, und die italienische Inflationsrate betrug im Schnitt neun Prozent. Als sich der Euro abzeichnete, ergriffen die Italiener die Gelegenheit, die Lira loszuwerden und ihre Finanzprobleme mit den anderen Mitgliedsstaaten zu teilen.

Und etwas Ähnliches blüht uns nun?

Ja, ich sehe für den Euro ein ähnliches Schicksal voraus. Seine Kaufkraft dürfte nach innen und außen an Wert verlieren, gegenüber Gold und auch dem Dollar. Natürlich ist der Dollar nicht so wertstabil wie Gold  – aber er ist schon deutlich besser aufgestellt als der Euro. Er hat eine lange Geschichte und eine starke Wirtschaft hinter sich, und er hat gezeigt, dass er in neuen Formen immer wieder aufersteht. Es gab den (mit Gold gedeckten) „Goldback“, den (papierenen) „Greenback“, den „Bretton-Woods-Dollar“ und seit 1971 den mehr oder weniger stabilen Kreditgeldsystem-Dollar. Insofern denke ich, dass der Dollar überleben wird.

Und der Euro eher nicht?

Der Euro ist eine junge Währung, die in die Fußstapfen der Lira tritt – mit höherer Inflation und langfristig sinkendem Außenwert. Irgendwann einmal dürfte sich in der Geschichte ein Tor öffnen, eine Gelegenheit, diesen Euro loszuwerden. Ich meine, die Digitalisierung wäre ein solches Tor, das man nutzen könnte, um den Euro als politikfernes Vollgeld neu aufzustellen. Eine neue Krise brächte die Chance zum Neubeginn. Aber das wollen die Politik und die EZB um jeden Preis verhindern. Ohne Neuaufstellung ist der Euro langfristig aber weg.

Keine Chance für die Währungsunion?

Ich denke, es gilt immer noch das, was Otmar Issing, der in jeder Hinsicht unverdächtige frühere Chefvolkswirt der EZB, mal sagte: Es gab in der Geschichte keine Währungsunion souveräner Staaten, die überlebt hätte. Solche – auf Kreditgeld gebaute  – Währungsunionen sind entweder geplatzt, oder sie wurden in politische Unionen überführt. Ich sehe im Euroraum aber keine Anzeichen dafür, dass die Teilnehmer bereit wären, eine politische Union mit vollem Souveränitätsverzicht in der Fiskalpolitik einzugehen. Also muss man sagen: Der auf Kreditgeld gebaute Euro ist eine Konstruktion, die früher oder später zerfallen wird.

Auf französischer Seite wurde schon zu Zeiten von Präsident Macrons Vorgänger François Hollande die Forderung geäußert, der Außenwert des Euro müsse sinken, um den Export aus der Eurozone anzukurbeln. Ein Weichwährungseuro würde zwar Sparern schaden, aber vielen exportorientierten Unternehmen erst einmal nutzen. Das Modell des Euro als neue Lira hat also durchaus Anhänger.

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Die französische Wirtschaftspolitik ist schon seit Colbert, dem Finanzminister Ludwigs XIV., merkantilistisch geprägt. Exportwaren sollen verbilligt und die heimische Wirtschaft vor Importen geschützt werden. Im Kreditgeldsystem kann das mit der Abwertung des Wechselkurses statt mit Zöllen erreicht werden. Aber diese Politik zementiert vorhandene Strukturen und verhindert Innovationen. Alte Produkte, die mit alten Techniken hergestellt wurden, können nur immer billiger verkauft werden. Die Währung muss abgewertet werden, um im Geschäft zu bleiben. Die Austauschverhältnisse verschlechtern sich, und die Konsumenten werden ärmer. Diese Strategie hat in Frankreich über die Jahrhunderte die Wirtschaftspolitik bestimmt und das Wirtschaftswachstum behindert.

Und Deutschland macht das anders?

Früher. Die deutsche Strategie der Nachkriegszeit war genau das Gegenteil: Man ließ die Währung aufwerten und sah in der Aufwertung eine Produktivitätspeitsche. Unternehmen mussten ihre Produktivität erhöhen, damit sie mit höheren Wechselkursen zurechtkamen. Nur: Es gefällt nicht jedem, ständig angetrieben zu werden. Für die deutsche Industrie war der Eintritt in den Euro daher ein Geschenk.

Welche Folgen hat es, wenn die eigene Währung auf Dauer schwächelt?

Dann verschlechtern sich die Austauschverhältnisse mit anderen Währungsräumen. Und wenn die Austauschverhältnisse sich verschlechtern, dann wird das Land insgesamt ärmer. Denn ich muss länger arbeiten, um ein bestimmtes Importgut zu bekommen.

Deutschland wird also den südeuropäischen Ländern immer ähnlicher?

Wir nähern uns den lateinischen Ländern an, zu denen man auch Frankreich zählen kann. Die andauernde Abschwächung des Euros führt dazu, dass die deutsche Industrie weniger innovationsfreudig wird. Sie genießt es, dass der Wechselkurs runtergeht.

Heißt es aus diesem Grund, Deutschland sei der Hauptnutznießer des Euro?

Wenn Sie sich die großen im DAX vertretenen Unternehmen anschauen, dann finden Sie, dass diese mehrheitlich in ausländischer Hand sind. Das heißt: Mit aufgrund der Euroabwertung billiger gewordenen deutschen Arbeitskräften verdienen die ausländischen Investoren gutes Geld. Wie man den Leuten aufschwatzen kann, Deutschland wäre der Hauptnutznießer des Euros, entzieht sich meiner Vorstellungskraft.

Ein anderer Einwand derjenigen, die meinen, dass es in der Eurozone schon nicht so schlimm käme, bezieht sich auf die japanische Erfahrung. Die Verschuldung des Landes übertrifft die von Italien und Frankreich bei Weitem, die Staatsbank kauft fast alle Staatsanleihen auf – und das Land wirkt trotzdem stabil und wohlhabend. Sollte die EZB nicht diesem Modell folgen?

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Mit meinem Kollegen Gunther Schnabl habe ich mich mit dem Phänomen Japan sehr intensiv beschäftigt. In Japan hat sich über Jahrzehnte die Erwartung in der Bevölkerung gefestigt, dass die Inflation tot ist. Diese Erwartung hat die Bank von Japan genutzt, um die Zinsen über beinahe alle Laufzeiten an die Nulllinie zu drücken. Das hat dazu geführt, dass die Leute kaum mehr einen Unterschied zwischen Geldhortung auf Bankkonten und Geldanlagen in Finanzpapieren sehen. Wenn ich in Japan Geld halte, kann ich es jederzeit nutzen, bin also liquider, als wenn ich eine zehnjährige Anleihe kaufe. Die Bank von Japan hat lange Zeit als eine Art Umtauschstelle funktioniert, indem sie Staatsanleihen gegen Geld getauscht hat, das die Leute gerne aufs Konto gelegt haben.

Sind die Japaner dumm?

Nein, sie konnten ja erwarten, dass das Geld seine Kaufkraft behält. Und bis vor Kurzem hat das auch geklappt. Jetzt beginnt die Inflationsrate aber auch in Japan zu steigen, und das japanische Modell wird infrage gestellt. In der Eurozone liegt die Inflationsrate jedoch schon bei zehn Prozent, und niemand glaubt mehr daran, dass die Kaufkraft seines Geldes stabil bleibt. Im Gegenteil: Wir sehen, wie uns die Kaufkraft des Geldes wegschmilzt. Japanische Verhältnisse kann es bei uns also nicht geben. Und es wird spannend sein zu sehen, ob das japanische Modell, das nach dem Platzen der „Bubble Economy“ Anfang der 1990er entstand, die globale Inflationswelle überleben wird.

Andauernde Inflation, Wertverlust der Währung – was können Bürger tun, um ihr Vermögen halbwegs zu schützen?

Die meisten im Markt aktiven Anleger haben noch nie eine höhere Inflation erlebt. Ich bin jetzt 69 und immer noch im Finanzbereich tätig. Viele Leute in meinem Alter gibt es dort nicht mehr. Die Jüngeren machen jetzt eine ähnliche Erfahrung wie die Leute meiner Generation in den 70ern. Meine Generation kannte damals die Inflation auch nur aus den Erzählungen der Großeltern.

Was wäre Ihr Rat für Anleger, die jetzt mit einer langfristigen Geldentwertung zurechtkommen müssen? Der US-Aktienmarkt ist trotz der schnellen Zinserhöhungsschritte in den USA erstaunlich stabil geblieben. Andererseits hätten die meisten bei einer hohen Inflation erwartet, dass Gold deutlich steigt. Bisher jedenfalls bewegt sich der Goldpreis kaum. Wie lässt sich das erklären?

Fangen wir mal mit den Aktien an. Da haben wir eine Neubewertung der Technologiewerte erlebt, deren Erträge ja oft in der Zukunft erwartet werden und die gegenwärtig noch nicht viel ausschütten. Diese Werte wurden abgestraft. Denn wenn die Zinsen steigen, dann verringert sich der Gegenwartswert von Erträgen, die in der fernen Zukunft liegen. Unternehmen, die schon jetzt Gewinne abwerfen, haben sich im Umfeld steigender Zinsen besser geschlagen. Mit der Energieknappheit aufgrund des Ukraine-Kriegs hatten jedoch die beste Performance die Unternehmen, die Öl und Gas fördern. 2022 war nicht unbedingt ein gutes Jahr für die „nachhaltigen“ Anlagen, die sogenannten „Socially Responsible Investments“, zu denen viele Technologiewerte gehören.

Und die Goldschwäche?

EINE MEDIZIN, DIE SCHÄDIGT

Entledigen sich die Staaten durch Inflation ihrer Schuldenlast?

Man muss den Goldpreis längerfristig betrachten. Gold ist ein guter Schutz gegen Inflation, aber die Entwicklung geht nicht wie am Lineal gezogen nach oben. Sie vollzieht sich in Schüben und Rücksetzern. Rücksetzer kommen, wenn die Investoren von steigenden Zinsen beeindruckt sind. Dann mag es wieder attraktiv erscheinen, Anleihen zu kaufen. Die Ernüchterung kommt, wenn die Anleihen weniger rentieren als die Inflation. Wenn man in die Geschichte schaut, kann man als Faustregel ableiten, dass Goldanlagen eine gute Performance haben, solange der Realzins negativ ist. Solange die Inflation über dem Zins liegt, bin ich weiterhin ein Freund von Goldanlagen. Und vielleicht bieten die Rücksetzer, die wir nach den Zinserhöhungen der Zentralbanken gesehen haben, sogar noch einmal die Möglichkeit, die Position aufzustocken.

Um von der Anlegerperspektive wieder auf die große Lage zurückzukommen: Ökonomen diskutieren die Idee, die Staatsschuld in der Bilanz der Zentralbank einzufrieren: Diese kauft die Staatsanleihen, behält sie dauerhaft und verlangt keine Zinszahlungen. Könnte ein solches Experiment den Euro dauerhaft retten?

Sie werden sich jetzt wahrscheinlich wundern, wenn ich sage: Das kann man unter bestimmten Umständen machen. Ich habe sogar vorgeschlagen, dass man das in einer einmaligen Aktion zur Rettung des Euro tun sollte. Was mich dazu bringt, so außerhalb der üblichen Wege zu denken, ist die Überlegung, die schon mal der Roosevelt-Administration im Chicago-­Plan von 1933 vorgeschlagen wurde. Einen solchen Schritt könnte man mit der jetzt anstehenden Digitalisierung des Euros, also der Schaffung einer digitalen Zentralbankwährung, verbinden. In dem Plan von 1933 hatten Ökonomen der Universität Chicago  – das waren jetzt keine Kommunisten, sondern marktorientierte Volkswirte – der Regierung vorgeschlagen, die Geldschöpfung der Banken durch Kreditvergabe zu unterbinden. Ihrer Analyse nach hatte die Kreditgeldschöpfung wesentlich zum Crash von 1929 beigetragen. Sie schlugen daher eine hundertprozentige Reservehaltung für die Banken vor.

Also das sogenannte Vollgeld: einem Kredit von 100 Dollar müssten in diesem System genau 100 Dollar Bankreserve gegenüberstehen.

Exakt, Vollgeld. Die Umstellung auf Vollgeld könnte man mit der Einführung der Digitalwährung in einer einmaligen Aktion verbinden. Ich bin überzeugt, dass es besser wäre, den Euro neu aufzustellen, als ihn gegen die Wand fahren zu lassen; denn ein Zusammenbruch der Gemeinschaftswährung könnte auch die Europäische Union in den Abgrund ziehen und Europa ins Chaos stürzen.

Und wie sähe diese Rettung durch den Digitaleuro praktisch aus?

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Um den Euro zu retten, könnte man Staatsanleihen, die jetzt schon auf der Bilanz der EZB liegen, einfrieren und als Deckungsstock für die Ausgabe von digitalem Zentralbankgeld nutzen. Das digitale Zentralbankgeld müsste man so programmieren, dass es nur valide ist, wenn es aus dieser einmaligen Aktion heraus entstanden ist. Statt wie bei Bitcoin die Geldmenge einzufrieren, könnte man auch ein kleines, vorher definiertes Wachstum der Geldmenge von Jahr zu Jahr zulassen, wie es Milton Friedman mit seiner „k-Prozent-Regel“ vorgeschlagen hat. Wichtig wäre aber, dass die Staaten von der Schaffung neuen Geldes nicht profitieren. Das nach der „k-Prozent-Regel“ geschaffene neue Geld müsste als Gelddividende direkt an die Bürger und nicht in die Staatshaushalte gehen. Denn das Ziel wäre, Staatsfinanzierung und Geldschöpfung strikt zu trennen. Damit da keine Versuchung aufkommt, wäre es sinnvoll, den so geschaffenen digitalen Euro nicht als staatliches Monopolgeld, sondern in Konkurrenz zu privaten Währungen unter die Leute zu bringen. Als gemeinsame Parallelwährung könnte er in ganz Europa, und nicht nur in den Ländern der gegenwärtigen Eurozone, genutzt werden.

Warum sollten sich Politiker darauf einlassen?

Erstens verharren sie gerne im Status quo, und zweitens wollen sie nicht auf die Staatsfinanzierung durch die EZB verzichten. Aber heutzutage ist ja alles ein „Deal“. Man könnte den Südländern also einen „Deal“ vorschlagen und sagen: Leute, wenn ihr mit dem digitalen Vollgeld einverstanden seid, kriegt ihr eine gigantische Schuldenreduktion. Wenn die Staatsanleihen auf der Bilanz der EZB zur Deckung der Geldmenge eingefroren sind, ließe sich die am Markt ausstehende Staatsschuld der Eurozone für alle Länder auf etwa 45  Prozent des Bruttoinlandsprodukts verringern. Die Deutschen und Niederländer bekämen einen mäßigen, die Südländer aber einen riesigen Staatsschulderlass. Der Preis für sie wäre, dass sie die Zentralbank nicht mehr als Geldesel benutzen dürften.

Das heißt aber auch, sie dürften dann keine neuen Kredite mehr aufnehmen?

Im Markt schon. Aber nicht von der Zentralbank. Und auch nicht von den Geschäftsbanken, wenn diese zur Kreditvergabe neues Geld schaffen. Das ist sehr weit weg von dem, was die Politiker der Eurostaaten wollen, nämlich mehr Kontrolle und Zugriff. Ich erwarte auch nicht, dass jemand diesem Vorschlag folgt. Mir geht es darum, eine Alternative zum Euroverfall aufzuzeigen. Ich will es nicht noch einmal erleben, dass die Politiker wie nach der Finanzkrise sagen können, die Ökonomen hätten den Schlamassel nicht kommen sehen und hätten auch keine Alternative aufgezeigt. Deshalb gehe ich mit dieser Idee hausieren – damit niemand später behaupten kann, es hätte keiner etwas gesagt.

Thomas Mayer, Das Inflationsgespenst. Eine Weltgeschichte von Geld und Wert, Ecowin, Hardcover mit Schutzumschlag, 400 Seiten, 28,00 €


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